| Für die deutsche Wirtschaft war es eine erfolgreiche Woche. Erstmals warb die Bundesregierung auf einer internationalen Konferenz so offensiv um Investitionen, wie es andere Länder seit Jahren tun. Dauerhaft überzeugen wir aber nur, wenn wir wieder aus eigener Kraft wachsen. Bleibt die Frage, warum Deutschland so wachstumsschwach ist. Ökonomen geben darauf viele kleinteilige, meist richtige Antworten: Bürokratie, Regulierungswut und ein Subventionsdschungel statt niedrigerer Steuern. Einige internationale Gäste sagten uns jedoch klar: Deutschland fehlt zu oft der Mut zum nächsten Schritt. Es mangelt weder an Erfindungen noch an Gründungen. Das Problem beginnt, wenn aus einer guten Idee ein großes Unternehmen werden soll – mit dreistelligen Millionenbeträgen, internationaler Expansion und langen Entwicklungszeiten. Genau dort wird Kapital knapp. BioNTech ist eine seltene Ausnahme: früh langfristig denkende private Geldgeber, 2019 eine Finanzierungsrunde über 225 Millionen Dollar, dann der Gang an die Nasdaq. Wissenschaft und Unternehmen kamen aus Europa, der entscheidende Kapitalmarkt lag in den USA. Der Fall zeigt, was Wagniskapital, Geduld und ein leistungsfähiger Kapitalmarkt ermöglichen. Wir gründen, aber wir skalieren zu selten Die Zahlen bestätigen das. 2025 flossen rund 7,2 Milliarden Euro in deutsche Start-ups, in der gesamten EU knapp 35 Milliarden Dollar, in den USA rund 276 Milliarden Dollar. Gemessen an der Wirtschaftsleistung war der US-Markt mehr als fünfmal so groß wie der deutsche. Zudem verfügen europäische Scale-ups nach zehn Jahren über rund 50 Prozent weniger Kapital als vergleichbare Unternehmen im Silicon Valley. Auch das starke zweite Quartal 2026 ändert daran wenig: Deutsche Start-ups nahmen 3,4 Milliarden Euro auf, davon 2,5 Milliarden in späteren Phasen – getragen von nur sieben großen Runden. Die Zahl der Finanzierungen über einer Million Euro sank dagegen auf einen mehrjährigen Tiefstand. Am Ende des Finanzierungskreislaufs zeigt sich die Schwäche noch deutlicher. Nur elf Prozent der weltweiten Börsengänge entfallen auf die EU. Der europäische Aktienmarkt entspricht rund 55 Prozent der Wirtschaftsleistung, der amerikanische 147 Prozent. Mehr als 60 Prozent der Übernahmen europäischer Start-ups gehen an Käufer außerhalb der EU. Gute Unternehmen finden ihr Kapital zunehmend im Ausland oder werden früh verkauft. Geld ist vorhanden An Vermögen fehlt es nicht. Die privaten Haushalte in Deutschland besaßen Ende 2025 rund 9,5 Billionen Euro Geldvermögen. Allein im vierten Quartal flossen weitere 63 Milliarden Euro in Bargeld und Sichteinlagen, während Aktien verkauft wurden. Sicherheit und Liquidität sind vernünftig, doch so bleibt viel Kapital ungenutzt. Die Mentalitätsfrage beginnt dort, wo selbst langfristiges Vermögen nur investiert wird, wenn Verluste nahezu ausgeschlossen scheinen. Bei Wagniskapital ist das unmöglich: Es finanziert unerprobte Technologien, Märkte und Geschäftsmodelle. Einige Beteiligungen scheitern, andere vervielfachen das eingesetzte Kapital und gleichen die Verluste aus. Eine Volkswirtschaft kann Innovation nicht finanzieren, wenn jeder Anleger Verluste ausschließt. Fallen deutsche Family-Offices aus, springen bestenfalls internationale Investoren ein. Doch warum sollten sie Risiken tragen, die wir uns selbst nicht zutrauen? Mit ihnen wandern Einfluss, Rendite, Eigentum und oft der spätere Börsenplatz ins Ausland. Regulierung bremst langfristiges Kapital aus Mut ist dabei nicht nur eine Frage der Haltung, sondern auch der Regulierung – besonders bei Versicherungen und Pensionsfonds. Europäische Versicherer investieren deutlich weniger in Venture Capital als amerikanische, weil Solvency II Start-up-Beteiligungen benachteiligt. Die Reform ab 2027 mildert dies, ohne den Nachteil zu beseitigen. Entscheidend ist, wie die Aufsicht sie anwendet und ob Freiräume genutzt werden. Für Pensionskassen und kleinere Versicherer hat Deutschland die Anlageverordnung gelockert: Die Risikokapitalquote stieg von 35 auf 40 Prozent, hinzu kommen eine Infrastrukturquote und flexiblere Öffnungsklauseln. Dennoch stammen nur fünf Prozent des Kapitals europäischer Venture-Capital-Fonds von europäischen Pensionsfonds – in den USA sind es mehr als 50 Prozent. Bei Banken, deren Kerngeschäft ohnehin die Kreditvergabe ist, verteuern hohe Risikogewichte Beteiligungen zusätzlich; attraktiv werden sie meist erst mit staatlicher Garantie. Die erste Reform muss bei der Aufsicht ansetzen. Versicherungen, Pensionskassen und Versorgungswerke müssen einen definierten Anteil ihrer langfristigen Mittel in breit gestreute Venture-Capital- und Wachstumsfonds investieren dürfen. Stabilitätsregeln bleiben notwendig: Diversifikation, professionelle Auswahl, Liquiditätspläne und Stresstests schützen Versicherte und Rentner. Einzelne Start-ups gehören nicht in das Sicherungsvermögen einer Lebensversicherung, professionell verwaltete Fonds dagegen schon. Steuern müssen Risiko symmetrisch behandeln Die zweite Reform betrifft das Steuerrecht. Das seit Februar 2026 geltende Standortfördergesetz erleichtert Fondsinvestitionen und den Kapitalmarktzugang und erhöht den Übertragungsbetrag für reinvestierte Gewinne aus bestimmten Beteiligungen von 500.000 Euro auf zwei Millionen Euro. Das ist sinnvoll, bleibt aber eng begrenzt. Ein marktwirtschaftliches Steuerrecht sollte Gewinne und Verluste vergleichbarer Beteiligungen symmetrisch behandeln. Endgültige Verluste müssen mit anderen Beteiligungserträgen verrechenbar sein. Wer Gewinne binnen einer festen Frist in junge Unternehmen oder breit aufgestellte Venture-Capital-Fonds reinvestiert, sollte die Steuer bis zur Entnahme aufschieben können. Europa braucht einen echten Exitmarkt Die dritte Reform muss den europäischen Kapitalmarkt vertiefen. Listing Act und Standortfördergesetz erleichtern Prospekte, Börsenzulassungen und englischsprachige Unterlagen. Das sind Fortschritte, ergeben aber noch keinen großen, liquiden europäischen Wachstumsmarkt. Europa braucht einen Kapitalmarkt, auf dem Unternehmen Investoren aus der gesamten Union erreichen, ohne unterschiedliche nationale Verfahren zu durchlaufen. Nötig sind ein einheitlicher Börsenpass, abgestimmte Aufsicht, zugängliche Unternehmensdaten und mehr grenzüberschreitende Liquidität. Die Spar- und Investitionsunion muss private Investoren befähigen, Wachstumsunternehmen bis zum Börsengang zu begleiten. Eine neue Risikokultur Hohe Renditen gibt es nicht ohne Verlustrisiken. Wer diese Wahrheit wegregulieren will, schwächt Innovation. Niemand soll zu Start-up-Investitionen gezwungen werden, Versicherungen müssen Kundenansprüche schützen, Banken solide bleiben. Doch Schutz darf produktive Risiken nicht so verteuern, dass sie nur noch mit staatlicher Garantie eingegangen werden. Deutschland braucht mehr als Fördermilliarden und ausländische Investitionen. Es braucht eine Kultur, die unternehmerisches Scheitern nicht mit Verantwortungslosigkeit verwechselt, und Regeln, die langfristiges Wagnis nicht bestrafen. Wer Innovation will, muss Risiko zulassen. Wer jeden Verlust verhindern will, verhindert am Ende auch die großen Erfolge. |