Aktueller Kommentar von Dr. Koch 15.05.2026

Steuerentlastungen sind Motor für den Aufschwung 

 

In Berlin steht wieder einmal die Einkommensteuerreform auf der Tagesordnung. Das ist dringend notwendig, denn die letzte größere Anpassung des Einkommensteuertarifs stammt aus dem Jahr 2007. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil verknüpft Entlastungen für mittlere Einkommen mit einer höheren Belastung von Spitzenverdienenden und macht das zur Bedingung. Gleichzeitig liegt aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ein Vorschlag vor, der den Grundfreibetrag um mindestens 1.000 Euro anheben, den Einstieg in den Spitzensteuersatz auf 85.000 Euro zu versteuerndes Einkommen verschieben und den Solidaritätszuschlag abschaffen will. Beide Seiten sprechen über Entlastung, beide Seiten kennen den engen Spielraum, und beide Seiten wissen, dass ohne Steuerreform kein Aufschwung gelingt. 

Die aktuelle Lage lässt keine Zeit für gegenseitige Vorhaltungen. Wer Wachstum und Beschäftigung stärken will, muss nüchtern auf die Mechanik von Steuern und Abgaben schauen. Die Hebel für einen Aufschwung sind gut untersucht, Spekulation ist kaum nötig. Entscheidend sind Grenzbelastungen und das Zusammenspiel von Einkommensteuer, Sozialbeiträgen und Transferentzug, also die Frage, ob sich Mehrarbeit für die Mittelschicht lohnt. Studien zeigen, dass die effektive Grenzbelastung gerade dort zum Problem wird, wo Leistung und Verantwortung besonders gebraucht werden. 

Welche volkswirtschaftlichen Anreize eine Einkommensteuerreform setzen kann 

Einkommensteuerreformen entfalten ihre Wirkung über mehrere Mechanismen. Sie beeinflussen erstens das Arbeitsangebot und damit die geleisteten Stunden. Relevante Entscheidungen sind der Wechsel von Teilzeit zu Vollzeit oder der Wiedereinstieg nach Familienphasen. Auch mehr Verantwortung, Zusatzschichten, Weiterbildung oder Selbstständigkeit hängen davon ab, wie viel vom zusätzlichen Bruttoverdienst netto bleibt. 

Zweitens geht es um Produktivität. Hohe Grenzbelastungen mindern den Ertrag zusätzlicher Anstrengung und erhöhen den Anreiz, Zeit in Ausweichreaktionen und Steueroptimierung zu investieren. So wandern Ressourcen von Wertschöpfung zu Gestaltung, was volkswirtschaftlich ein Verlust ist. 

Drittens zählt Vertrauen in Stabilität und Einfachheit. Ein komplexes System mit Ausnahmen und ständigen Korrekturen schafft Unsicherheit und bremst Investitionen, bei Unternehmen wie bei Haushalten. Wirkung entsteht, wenn die Grenzbelastung sichtbar sinkt und die Regeln so klar sind, dass dauerhaft darauf vertraut werden kann. 

Warum die Mittelschicht im Zentrum stehen muss 

Politisch gilt die Mittelschicht oft als Synonym für Mehrheit. Volkswirtschaftlich ist sie das Leistungszentrum, in dem Facharbeit, qualifizierte Angestellte, Pflege, Polizei, Handwerk, Ingenieurberufe und viele Selbstständige das Gemeinwesen tragen. Es sind die Menschen, die einspringen, Projekte führen, ausbilden und Verantwortung übernehmen. 

Genau hier bremst der sogenannte „Mittelstandsbauch“. Wer früh in hohe Grenzsteuersätze gerät, hat weniger Anreiz für zusätzliche Leistung. Hinzu kommt der Abgabenkeil, besonders beim Aufstieg aus Förderzonen wie Bürgergeld oder Wohngeld. Wenn Leistungen wegfallen und Beiträge steigen, bleibt vom Mehrverdienst oft zu wenig. Maßgeblich ist die effektive Grenzbelastung im Gesamtsystem, die durch Beiträge und Transferentzug für mittlere Einkommen hoch sein kann. 

Wie eine Reform gestaltet sein muss, damit sie wirkt 

Daraus folgt, dass zuerst die Grenzbelastung in den Aufstiegszonen der Mittelschicht sichtbar sinken muss. Tariflich gelingt das, wenn der steile Anstieg im mittleren Bereich abgeflacht wird und der Einstieg in den Spitzensteuersatz später erfolgt. Der Spitzensteuersatz von 42 % greift im Jahr 2026 ab einem zu versteuernden Einkommen von rund 69.879 € (Single-Tarif). Die im Unionsvorschlag genannte Verschiebung auf 85.000 € würde damit eine substanzielle Entlastung in der oberen Mittelschicht bedeuten. Auch Klingbeil fordert Entlastung für mittlere Einkommen. Sein Ansatz, den Spitzensteuersatz zu erhöhen, beschleunigt jedoch den Steueranstieg und verschärft die Progression ausgerechnet im Mittelstand. Damit unterläuft eine Anhebung des Spitzensteuersatzes die Reform. 

Außerdem dürfen die Abgaben nicht aus dem Blick geraten. Für den Einzelnen macht es keinen Unterschied, ob ihm der zusätzliche Euro über Steuer oder Beitrag genommen wird. OECD-Daten zur Besteuerung von Arbeit zeigen, wie hoch die Gesamtbelastung in Deutschland ist. Deutschland gehört nach den OECD-Berichten „Taxing Wages“ durchgängig zu den OECD-Ländern mit dem höchsten Abgabenkeil auf Arbeitseinkommen (regelmäßig Platz 2 hinter Belgien). Eine Reform, die in der Einkommensteuer entlastet, aber an anderer Stelle Beiträge oder Entzugsraten erhöht, neutralisiert ihre Wirkung. 

 

Ein Beispiel, das die Reformfrage konkret macht 

Das bleibt oft abstrakt, wird aber an einem Beispiel klar. Nehmen wir einen Haushalt mit zwei Kindern. Ein Elternteil arbeitet Vollzeit, der zweite Teilzeit und erwägt den Sprung auf Vollzeit oder deutlich mehr Stunden. Der zusätzliche Bruttoverdienst wird besteuert, löst höhere Sozialbeiträge aus und kann den Anspruch auf einkommensabhängige Leistungen senken. Zusammen mit Zweitverdienereffekten entsteht so eine hohe effektive Grenzbelastung. Studien zeigen, dass es genau darauf ankommt. Bleibt vom zusätzlichen Euro zu wenig übrig, fällt die Entscheidung gegen Vollzeit. Das ist keine Faulheit, sondern eine rationale Reaktion auf die Regeln. 

Hebt man den Grundfreibetrag an und glättet die Progression im mittleren Bereich, steigt der Nettoertrag zusätzlicher Arbeit. Konzentriert man Förderprogramme wie Wohngeld oder Kinderzuschlag stärker auf untere Einkommen, sinken die Verlustraten durch Abschmelzen. Dann wird Mehrarbeit wahrscheinlicher. 

Was taugen die aktuellen Vorschläge? 

Der CDU/CSU-Vorschlag hat eine Stärke: Er adressiert die Zone, in der viele Fachkräfte in den Spitzensteuersatz hineinlaufen, und schafft mit höherem Grundfreibetrag ein breites Entlastungselement. Eine höhere Reichensteuer würde die Aufschwungwirkung schwächen, könnte aber der Preis einer Einigung sein. In jedem Fall finanziert sich eine erfolgreiche Reform kurzfristig nicht selbst, sondern erfordert Einsparungen im Haushalt. 

Klingbeils Vorschlag greift ebenfalls die Belastungserfahrung mittlerer Einkommen auf. Der kritische Punkt liegt im Gesamtkonzept. Wird Entlastung der Mitte als Umverteilungsprojekt betrachtet, verschiebt sich die Debatte weg von Anreizen und hin zu Moral. Dann wird die Reform zum Verteilungskampf, schafft Komplexität und erhöht die Grenzbelastung an anderer Stelle wieder. Aus ordnungspolitischer Sicht gilt ein anderer Maßstab. Grenzbelastung senken, Ausnahmen reduzieren und das Projekt solide finanzieren sollten die Leitlinien sein. 

Eine Reform, die die Mitte stärkt, ist keine Wohltat, sondern Selbstschutz 

Steuerreformen sind entweder verteilungspolitischer Tauschhandel oder die Gestaltung eines leistungsfördernden Rahmens. Gelingen kann die Reform nur mit Mut zur Klarheit. Weniger Ausnahmen, weniger Verschiebebahnhöfe, weniger moralische Nebelkerzen. Mehr Transparenz, geringere Grenzbelastung in der Mitte und eine Finanzierung, die Wachstum nicht nur verspricht, sondern ermöglicht. Dann lässt sich der Satz „Leistung muss sich lohnen“ wieder sagen, ohne dass er zynisch klingt. 

Ludwig Erhard wollte Menschen befähigen, aus eigener Kraft verantwortlich zu handeln. Er warnte vor einer Entwicklung, in der Leistung sinkt, weil Verantwortung in staatliche Mechanik ausgelagert wird.