Aktueller Kommentar von Dr. Koch zur Arbeitszeit
Wenige Arbeitsstunden führen zu weniger Wohlstand
In diesen Tagen sind die Schlagzeilen wieder auf die Frage der Arbeitszeit konzentriert. „Acht-Stunden-Tag“, „Lifestyle-Teilzeit“ sind die besonderen Aufreger. Die Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln beschrieb den Trend „Wenn wir reicher und produktiver werden, leisten wir uns mehr Freizeit“. Allerdings werden wir gerade nicht produktiver und die Unsummen an Staatsschulden zeigen, dass wir gerade ärmer werden. Die richtige Konsequenz muss dann aber die Ausweitung der Arbeit sein. Daher die Aufregung.
Die geringen Arbeitsstunden der Deutschen sind ein altes Thema
Bundeskanzler Helmut Kohl warnte 1993 eindringlich davor, Deutschland als einen „kollektiven Freizeitpark“ zu organisieren. Angesichts wirtschaftlicher Herausforderungen forderte er mehr Leistungsbereitschaft und kritisierte eine zu träge, zu teure und unverantwortliche Haltung. Er betonte, dass eine Nation mit Zukunft nicht durch übermäßiges Freizeitstreben gesichert werden könne. Der Appell löste einen Sturm der Entrüstung aus. Die Gewerkschaften setzten ihren Kurs für kürzere Arbeitszeiten zunächst fort, was 1995 zur flächendeckenden Einführung der 35-Stunden-Woche in der Metall- und Elektroindustrie führte.
Die Diskussionen vor 30 Jahren haben Veränderungen gebracht
Der Appell war dennoch keineswegs folgenlos. In den Jahren nach 1993 konzentrierte sich die Politik auf zwei Strategien, um das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen trotz sinkender individueller Arbeitszeiten stabil zu halten. Zum einen das Ziel einer höheren Erwerbsquote: Die Zahl der Erwerbstätigen stieg von rund 38 Millionen (1993) auf einen Rekordwert von ca. 46,1 Millionen im Jahr 2024/25. Besonders Frauen und ältere Menschen wurden verstärkt in den Arbeitsmarkt integriert. Zum anderen wurde verstärkt auf „Fördern und Fordern“ bei Arbeitslosigkeit gesetzt. Die Hartz-Reformen am Anfang der 2000er Jahre zielten darauf ab, Arbeitslose schneller wieder in Beschäftigung zu bringen. Parallel dazu etablierten sich Arbeitszeitkonten, die Unternehmen mehr Flexibilität bei Auftragsspitzen ermöglichten.
Trotz dieser Schritte belegt Deutschland inzwischen im internationalen Vergleich bei der Arbeitszeit pro Kopf den letzten Platz. Deutsche Arbeitnehmer leisteten 2023 im Schnitt nur etwa 1.335 bis 1.345 Stunden pro Jahr. Zum Vergleich: In den USA sind es rund 1.805 Stunden, in Großbritannien etwa 1.496 Stunden. Allerdings gehört auch zum Bild, dass die Lebensarbeitszeit in Deutschland mit 38,4 Jahren über dem EU-Schnitt (35,9 Jahre) liegt, was den Reformen der letzten zwei Jahrzehnte geschuldet ist und nicht geringgeschätzt werden sollte.
Man sollte daran erkennen, dass trotz vieler Proteste und Widerstände sind Veränderungen möglich sind.
Die ersten Anreize zu zusätzlicher Arbeit sind beschlossen
Derzeit ist das Thema wieder hochgradig präsent, da der Fachkräftemangel die Politik dazu zwingt, erneut über Anreize für Mehrarbeit und eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit zu debattieren. Zunächst sollte man auch hier darauf hinweisen: Mit den Reformen im vergangenen Jahr stehen steuerliche Anreize für Mehrarbeit oben auf der politischen Agenda, um dem Fachkräftemangel und dem stagnierenden Arbeitsvolumen entgegenzuwirken. So sollen ab dem 1. Januar 2026 Überstundenzuschläge steuerlich begünstigt werden; Zuschläge für Mehrarbeit, die über die vertraglich vereinbarte Vollzeit hinausgehen, werden bis zu einer gewissen Höhe von der Lohnsteuer befreit. Rentner, die freiwillig weiterarbeiten, sollen bis zu 2.000 Euro monatlich steuerfrei hinzuverdienen können. Während absehbar ist, dass diese Maßnahmen nicht ausreichen, zeigen beispielsweise Berechnungen von Isaak, Jessen und Schmidt (Wirtschaftsdienst, 2026), dass durch die Aktivierung ungenutzter Arbeitskräftepotenziale Wachstumsreserven bestehen.
Zunehmend rückt auch die Teilzeitarbeit in den Fokus. Von den gut 42 Millionen Arbeitnehmern in Deutschland sind knapp 17 Millionen in Teilzeit beschäftigt. Das entspricht einer Teilzeitquote von gut 40 Prozent. Teilzeitbeschäftigte arbeiten im Durchschnitt 18,7 Stunden, Vollzeitbeschäftigte 38,3 Stunden pro Woche. Die aktuell verfügbaren Daten stammen aus dem 3. Quartal 2025.
Was Arbeitnehmer mit ihren Arbeitgebern an Arbeitszeit vereinbaren, ist ihre Sache. Aber seit 2001 gibt es einen gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit ab der Betriebsgröße von 16 Mitarbeitern. Entscheiden in einem solchen Fall ein oder mehrere Beschäftigte auf einmal, dass sie ihre Arbeitszeit deutlich reduzieren möchten, kann dies einen Unternehmer vor große Probleme stellen. Das deutsche Arbeitsrecht mit seinen starren, bürokratischen Regelungen hält speziell für kleine Unternehmen viele Herausforderungen bereit. Den Rechtsanspruch auf Teilzeit zu entschärfen, könnte im Sinne der von der Bundesregierung angekündigten Entbürokratisierung für manche Betriebe eine Entlastung bringen.
In diesen Wochen ringt der Deutsche Bundestag um eine Reform des Arbeitszeitgesetzes. Ziel der Regierung ist es, von dem starren Acht-Stunden-Tag zur flexibleren 40-Stunden-Woche zu kommen. Diese Reformen gelten als unpopulär und viele, auch in den Regierungsparteien, würden sich am liebsten wegducken.
Zum „Ruck“ in Deutschland müssen mehr Arbeitsstunden kommen
Mit dem Klein-Klein der Gesetzgebung und isolierten Vorschlägen kann man die notwendige Führung nicht ausüben. Deshalb hatte Kohl Recht und auch die öffentlichen Äußerungen von Bundeskanzler Merz dienen dem gleichen Ziel. Wir müssen über den Stellenwert der Arbeit reden. Heute ist die schon lange gebräuchliche Floskel, ob wir „leben, um zu arbeiten“ oder ob „wir arbeiten, um zu leben“, auf der Tagesordnung. Unter dem Stichwort der Work-Life-Balance scheint der allgemeine Traum von Wohlstand darin zu bestehen, möglichst wenig Zeit in seinen Beruf stecken zu müssen. Da ist die 30-Stunden-Woche der Traum, selbstverständlich bei vollem Lohnausgleich.
Das wird nicht funktionieren. In einer freiheitlichen Gesellschaft, einer Sozialen Marktwirtschaft, ist der Begriff der Arbeit mit dem Begriff der Würde verbunden. Arbeit darf nicht unterjochen und ausbeuten, Arbeit muss den körperlichen und geistigen Fähigkeiten entsprechen, jedermann steht eine angemessene Ausbildung zu und der Arbeitsprozess muss Eigenverantwortung und Mitbestimmung respektieren. Aber Arbeit wird gebraucht! Für die Anhänger der Sozialen Marktwirtschaft sollte gelten, dass es dem freien Spiel der Kräfte überlassen bleiben muss, wie viel und wie lange jemand arbeitet. Steuerliche Anreize dürfen eine Reduzierung der Arbeit nicht attraktiv machen. Daher müssen Minijobs, Zuverdienst bei der Grundsicherung und auch das Ehegattensplitting hinterfragt werden. In diesem Kontext ist ein gesetzlicher Anspruch auf Teilzeit einfach systemwidrig und falsch. Mit einem Gesamtkonzept „Mehr Arbeit – mehr arbeiten“ wird schnell eine plausible Lösung gebraucht.
Arbeitszeit ist Wettbewerbsfaktor
Wir sind einer der teuersten Produktionsstandorte der Welt. Wir sind auch eine der am schnellsten alternden Gesellschaften. Die einzige Möglichkeit zur Aufrechterhaltung und Vermehrung des Wohlstandes ist Arbeit.
Tarifvertragsparteien und Politiker sollten nicht die Illusion verbreiten, wir würden in einer Zeit leben, in der mehr Wohlstand weniger Arbeit bedeutet. Wahrscheinlich ist das Gegenteil richtig und wir Menschen brauchen Arbeit. Für den Wohlstand aller, aber auch für uns selbst.